code
Markus Spiske, Unsplash

Adventures/Abenteuer

1996 war das Jahr, in dem für mich die Literatur digital wurde. Drei entscheidende Ereignisse führten damals dazu, dass ich heute Text und Code schreibe: 1996 bekam ich meinen ersten Computer, einen Pentium-Prozessor-Rechner mit Windows 95; 1996 installierte ich auf diesem Rechner das Textverarbeitungsprogramm Word 95; und 1996 lieh ich mir in der Stadtbücherei die zerlesene Ausgabe des Buches BASIC aus, eine Einführung in die gleichnamige Programmiersprache. PRINT „Hello World!“ wurde mein Sesam-Öffne-Dich, die magischen Zeilen einer Zukunft, von der ich damals noch nichts ahnen konnte. Ich liebte die geordnete Struktur der Buchstaben auf dem Bildschirm und schrieb jeden Morgen vor der Schule eine halbe Stunde an meinem ersten Roman, Seite für Seite, bis ich bei 132 für immer stehenblieb. Es blieb nicht aus, dass ich mit einer anderen Form des Erzählens in Berührung kam: den Computergames.

Es waren vor allem Sportspiele, Strategie und Adventures, die mich stundenlang am Bildschirm hielten. Das Point-and-Click-Adventure The Curse of Monkey Island wurde zu einem Art Erweckungserlebnis. Hierin wird die Geschichte von Guybrush Ulysses Threepwood erzählt, der Pirat werden möchte und es mit dem Geisterpiraten LeChuck zu tun bekommt. Plötzlich gab es ineinander verschachtelte Erzählebenen, die je nach Geschick des Spielers in Sackgassen oder zum nächsten Cliffhanger führten, und die die Linearität, die ich bisher aus Büchern kannte, aufbrach. Der Trigger war gesetzt. Ich begann selbst kleine Spiele zu programmieren, Text-Adventures mit einfachen If-Abfragen und Textausgaben, und simple, rundenbasierte Strategiespiele im Stile eines Civilization, die – darin lagen gleichfalls Reiz und eine gewisse Hoffnungslosigkeit – nie beendet, sondern durch immer neue Ideen und Projekte ersetzt wurden. Ohne dass ich es mir bewusst machte, wechselte ich dabei ständig das Medium – Papier, Bildschirm, Papier, Bildschirm – um ein und dasselbe zu tun: zu erzählen.

Hypertext is text which is not constrained to be linear.

Um die Jahrtausendwende wählte ich mich mit einem knackenden 56k-Modem und gesammelten AOL-Gratis-CD-Roms ins Internet ein, immer in der Auseinandersetzung mit anderen Familienmitgliedern, da ständig das Telefon besetzt war. Und auch dort, im Netz, begann ich mich schnell mit den dahinterliegenden Strukturen zu beschäftigen, mit HTML, CSS und JavaScript und stieß, wie zuvor bei den Text-Adventures, auf neue Formen des Erzählens: die Hypertexte. Kein Umblättern mehr, keine Linerarität von Seite zu Seite, sondern netzförmige Geflechte, ein verwirrendes Springen von Link zu Link. Die W3C (World Wide Web Consortium) definiert Hypertexte folgendermaßen:

  • Hypertext is text which is not constrained to be linear.
  • Hypertext is text which contains links to other texts.
  • HyperMedia is a term used for hypertext which is not constrained to be text: it can include graphics, video and sound.
  • Hypertext and HyperMedia are concepts, not products.1

Texte entkoppeln sich von der Beständigkeit und Langlebigkeit des Gedruckten, werden fluide, nervöser und durchscheinender, die Wirkung des „In-Stein-Gemeiseltseins“ hebt sich auf. Lesen und schreiben werden fragmentarisch, splittern auf und bieten wie in den Computergames immer Optionen an: Nimm Gegenstand X, gehe durch diese Tür, spreche Figur Y an, verhalte dich neutral, aggressiv, passiv. Lange Zeit hielt sich die Hoffnung auf einen großen Internet-Roman, nicht von einem einzelnen Autor geschrieben, sondern von vielen, Hunderten, Tausenden, eine Art Weltenroman, der unterschiedlichste Perspektiven und Ansichten in sich vereinen würde, ein Geflecht von Figuren und Stimmen. Ich weiß nicht, ob es diesen Roman in den Weiten da draußen irgendwo gibt, ich habe einige Versuche gesehen, die heute als nicht-indexierte HTML-Dateien unterhalb der Wahrnehmungsschwelle der Algorithmen zwar noch existieren, aber nicht mehr gefunden werden und deshalb auch nicht mehr vorhanden sind. Auch das ist ein Merkmal der Hypertexte: Sie verschwinden einfach, Links weisen ins Leere: Error 404 – Page not found.

Der Code folgt ähnlich der Sprache einer präzisen Semantik, besitzt einen eigenen Rhythmus, eine Art Dramaturgie

Ich schreibe Text und Code. Wobei diese Trennung eine künstliche ist, da beides von mir über die Tastatur eingegeben Zeichenfolgen sind, mit unterschiedlichen Strukturen und Bedeutungsebenen: Text, sichtbar als Inhalt einer aufrufbaren HTML-Datei, und Text, der den nicht sichtbaren Programmiercode abbildet. Der Code folgt ähnlich der Sprache einer präzisen Semantik, besitzt einen eigenen Rhythmus, eine Art Dramaturgie, die bei der kleinsten Störung (einem vergessenen Semikolon, einer nicht geschlossenen Klammer) zusammenbricht und im Kauderwelsch kryptischer Konsolen-Meldungen endet. Code ist ein fragiles Gebilde und besitzt gleichzeitig die Macht die Maschinerie ins Stocken zu bringen. Zwei der bemerkenswertesten Fehler:

  • Der Code bricht ab und gibt eine leere Seite aus. Keine Struktur, keine Zeichen, nichts. Eine weiße Seite, die nicht beschrieben werden kann.
  • Der Code kreist in einer Endlosschleife um sich selbst und friert die Seite ein. Ein Monolog des immer gleichen.

Schreiben und Publizieren sind zwei Prozesse, die heute mehr und mehr zusammenfallen. Ich schreibe auf einem digitalen Medium und habe dann unmittelbar die Möglichkeit, das Geschriebene öffentlich zu machen – über einen Blog, über Posts in den sozialen Netzwerken, über eines der eBook-Formate. Selbst der sonst unsichtbare Code einer Web-Anwendung kann heute über Dienste wie GitHub als Open-Source für andere einsichtbar, kann reproduziert und weiterentwickelt werden. Ist das der eigentliche Internet-Roman? Sind die tausenden Anwendungen und Plugins die Stränge einer modernen Erzählung?

Auch das ist für mich Schreiben: Fragment, Leerlauf, Inkohärenz, Warten

Seit ich ernsthaft schreibe, ist dieses Schreiben mit dem Digitalen verbunden. Ohne das Internet hätte mein letzter Roman „Stromland“ kaum entstehen können; die Recherche dazu erfolgte fast ausschließlich im Netz. Dort folgte ich Spuren, Textfragmenten, PDF-Dokumenten, JPG-Grafiken, ein Wust aus Fakten und Phänomenen, durch die ich mich fast zwei Jahre hindurcharbeitete. Ich fühlte mich dabei manchmal wie der Piratenanwärter Guybrush Ulysses Threepwood, der durch eine bunt flackernde Pixelwelt irrt und nicht weiß, wie er die Dinge, die er auf seinem Weg findet, sinnvoll kombinieren soll. Auch das ist für mich Schreiben: Fragment, Leerlauf, Inkohärenz, Warten.

Ob und wie sich das Digitale auf mein Schreiben auswirkt, müssen in Zukunft andere beurteilen. Vielleicht wird dann auch ein Algorithmus diese Aufgabe übernehmen und mich in Sekundenbruchteilen entschlüsselt haben. Vielleicht aber bleiben auch nur ein paar kryptische Links übrig, die ins Nichts führen.


  1. https://www.w3.org/WhatIs.html (abgerufen am 18.11.2018)