buecher2019

Bücher 2019

Neben vielen Texten für meinen neuen Roman „Dikson“ habe ich 2019 noch ein paar Bücher abseits der Recherche gelesen. Drei davon sind mir besonders im Gedächtnis geblieben.

Carys Davies, West

Ein schmaler, aber umso eindrücklicher Roman. Erzählt wird die Geschichte von Cy Bellman, der 1851 als Maultierzüchter in Pennsylvania lebt und in der Zeitung von einer Entdeckung gelesen hat, die sein Leben verändern wird. Mit einem Maultier macht er sich auf in den Westen. Seine zwölfjährige Tochter Bess lässt er in der Obhut ihrer Tante zurück. Bellman dringt, entgegen aller Warnungen und allen Kopfschüttelns, immer weiter westwärts vor, getrieben von seinem Traum, die in der Zeitung beschriebenen Wesen zu finden. Dabei entwickelt sich seine Reise jedoch anders als geplant. In knappen, kraftvollen Sätzen erzählt Carys Davies diese Geschichte und springt dabei in den Kapiteln zwischen Bellman und Bess. Während Bess hoffnungsvoll auf die Rückkehr ihres Vaters wartet und sich den Annäherung eines Nachbarn erwehren muss, taumelt Bellman durch Fieberträume dem Horizont entgegen. In Anlehnung an Neo-Western wie „There Will Be Blood“ oder „True Grit“ erzählt Carys Davis in ihrem knappen Roman von großen Träumen und der Sehnsucht sie wahr werden zu lassen.

Clemens J. Setz, Der Trost runder Dinge

In der Erzählung „Die Katze wohnt im Lalande’schen Himmel“ stößt der Ich-Erzähler in einem Antiquariat auf ein Fotoalbum des Malers Bernhard Conradi und beginnt, von einem fiebrigen Eifer ergriffen, weitere Spuren dieses unbekannten Künstler zusammenzutragen. Der Text wird begleitet von Bildern und entpuppt sich als ein Spiel zwischen Fakt und Fiktion, ein Vexierbild, das eine recherchierte Realität vorgibt, diese mit Zitaten und Fußnoten belegt, dadurch aber nur noch unschärfer, noch verstellter wird. Eine gewisse Unschärfe liegt über allen Erzählung, so, als würde man die Augen zusammenkneifen und plötzlich eine seltsame Doppeldeutigkeit der Dinge erkennen. Die Erzählungen sind grotesk, makaber, aber sie kippen nie ins Lächerliche. Setz’ Sätze sind klar, getragen von Empathie für seine Figuren und der Lust am Fabulieren. Das Unheimliche, so wissen wir, liegt nicht im Offensichtlichen, es lauert darunter.

Karina Sainz Borgo, Nacht in Caracas

Adelaida begräbt ihre Mutter auf dem Friedhof von Caracas. In einer Stadt, in einem Land, in dem sich die Strukturen auflösen und Chaos und Willkür herrschen, ist der Tod von der Mutter nur ein weiterer Schlag, den Adelaida verkraften muss. Überwältigt von Erinnerung an due letzten Tage im Krankenhaus und an ihre beiden Tanten, die sie als Kind mit Maisfladen und Mangos fütterten, versucht Adelaida benommen von den Erschütterungen, dem Tränengas und der Schlaflosigkeit weiterzumachen. Sie wird aus ihrer Wohnung vertrieben und muss zu einer anderen werden, um sich zu retten. Der Roman von Karina Sainz Borgo taumelt zwischen Traumsequenzen, Erinnerungsfragmenten und den Geschehnissen in der Straßen Caracas und beschreibt Adelaida zwischen beginnendem Wahnsinn, Trauer und verzweifeltem Lebensmut. Der Text ist nah an Adelaida, an ihren Empfindungen, ihrer Sicht der Dinge und erzeugt einen dunklen Sog, begleitet von Gewalt und der Sehnsucht nach einem Ort der Stille.