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Chris Barbalis, Unsplash

Ein Leben ohne Auto

Manchmal gibt es noch diese Momente. Dann, wenn wieder mal die Straßenbahn ausfällt, wenn ich mir zum wiederholten Male mit dem Rad einen Platten gefahren habe oder wir überlegen, wie wir die Getränkekästen für die Geburtstagsfeier nach Hause bekommen sollen. Dann stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn da in unserer Einfahrt nicht nur Gras und Löwenzahn zwischen den Gesteinsplatten wachsen würde, sondern ein schnittiges Automobil geparkt wäre, eines mit Hybridantrieb oder schon komplett mit Strom fahrend. Dann könnte ich rasch zum Getränkemarkt fahren, würde mir den platten Reifen sparen und müsste mich nicht über einen unzuverlässigen ÖPNV ärgern.

Seit diesem Jahr leben wir seit zehn Jahren ohne Auto. Natürlich nicht komplett ohne, denn es gibt sie immer noch, bei Freunden, bei Verwandten. Aber es gibt keinen Wagen mehr, der auf unseren Namen zugelassen ist. Dabei hatten wir auch mal ein Auto, einen kompakten, dunkelblauen 4er Golf, den ich kurz vor unserem Umzug nach Leipzig an einen Gebrauchtwagenhändler verkaufte. Für uns war damals klar, dass wir in Leipzig kein Auto brauchen würden; wir hatten eine Wohnung, die optimal an Straßenbahn und Bus angebunden war, Einkaufsmöglichkeiten gab es fußläufig. Wozu da noch die hohen Kosten für ein Auto, das einmal die Woche bewegt werden würde? Außerdem hatten wir noch keine Kinder, also fiel die Entscheidung leicht.

Der eigene Wagen als Zeichen persönlicher Freiheit. Momente, in denen das Auto mehr war als nur ein Auto, in denen es plötzlich zu einem Gefährten wurde, zu einem Wegweiser. Damals zum Beispiel, als ich mich zwanzigjährig zusammen mit einem Freund von Stuttgart Richtung Hamburg aufmachte, um dort meinen Zivildienst zu beginnen. Wir fuhren mit einem Citroën 2CV, einer gelben „Kasten-Ente“, deren Kupplung auf Lenkradhöhe jedes Schalten zur Schwerstarbeit machte; wir fuhren die ganze Nacht, wurden in den Kasseler Bergen von Lkws überholt und schliefen für ein paar Stunden auf einem Rastplatz irgendwo bei Hannover. Oder die Fahrten zur Ostsee während meiner Ausbildung in Hamburg, wo ich mir einen Seat mit einem Freund teilte; der hatte die Motorhaube schwarz lackiert und mit irgendeinem Bild verziert, ein Emblem oder ein Spruch, und damit brausten wir dann an den freien Tagen entlang der Alleestraßen Richtung Meer. In solchen Momente verwirklichte das Auto meinen Traum von Unabhängigkeit und ließt eine Ahnung von Freiheit aufkommen; große Gefühle, Privilegien, die ich selbstverständlich in Anspruch nahm.

Das Auto ist auch nur ein Gebrauchsgegenstand, der durch eine geschickte Erzählung mit Bedeutung aufgeladen wird

Kein eigenes Auto zu haben bedeutet heute für mich keinerlei Einschränkungen meiner Freiheit. Es überwogen auch damals, als vor dem Haus noch eines parkte, für mich immer schon die Nachteile und machten das Auto für mich eher zur nervigen Belastung: Inspektion, Reifenwechsel, Reparaturen, das ständige Schielen auf die Tankanzeige, die nervige Parkplatzsuche, gefrorene Scheiben im Winter, Backofenstimmung im Sommer. All das nahm der romantischen Vorstellung vom grenzenlosen Dahinbrausen den Reiz und machte mir klar: Das Auto ist auch nur ein Gebrauchsgegenstand, der durch eine geschickte Erzählung (in Werbung, Film, Medien) mit Bedeutung aufgeladen wird, um mir klar zu machen: Du brauchst es, ohne es geht es nicht!

Dabei geht es ohne. Und es geht gut ohne. Mit ÖPNV und Fahrrad erledigen wir Einkäufe, kommen zur Arbeit, machen Ausflüge, verreisen. Klar, es muss gut geplant werden, der wöchentliche Großeinkauf wird auf mehrere kleine verteilt, bei Reisen muss ökonomisch und durchdacht gepackt werden, den Weg zur Arbeit begleiten die Apps der DB und des RMV. Und wenn es dann doch mal zu IKEA gehen soll, verabreden wir uns mit Freunden oder fahren mit einem Mietwagen.

In städtischen Ballungsräumen lässt sich mittlerweile recht gut aufs Auto verzichten, aber was, wenn ich weiter außerhalb lebe, dort, wo der Bus nur an Schultagen fährt? Dann ist gute Planung das eine – das Umdenken und das Ändern von Gewohnheiten das andere. Und das gilt nicht nur für den einzelnen, sondern besonders auch für Kommunen und Gemeinden. Ein Verkehrsforscher betont im Interview auf Deutschlandfunk, dass es für den ländlichen Raum bereits Lösungen gebe und Kommunen teilweise innovative Wege gingen (Bereitstellung von Fahrzeugen, Ausbau der Radinfrastruktur), es aber schlußendlich um einen Mentalitätswechsel gehe. Weiter zeigen Forscher auf, wie in sechs Schritten die Verkehrswende auch auf dem Land gelingen kann.

Das Auto sollte zu einer Möglichkeit der Mobilität werden, es darf aber nicht die einzige sein.

Ob ich mich dazu entschließe, aufs Auto zu verzichten, hängt ganz zentral von Fragen der autolosen Mobilität ab: Wie komme ich zur Arbeit, wie kaufe ich ein, wie kommen die Kinder in die Schule? Sich aber überhaupt mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, stellt schon einen ersten Schritt dar. In einer Gesellschaft, in der das Auto omnipräsent ist und enorm viel Platz einnimmt, ist ein veränderter Blickwinkel gefordert, um Alternativen zu erkennen und diese auch zu nutzen bzw. müssen diese Alternativen politisch gewollt und umgesetzt werden. In der Corona-Pandemie hat das Rad und der Radverkehr einen enormen Schub bekommen, in Städten entstanden überall Pop-up-Radwege, nie zuvor wurden mehr Fahrräder verkauft, das Rad wurde plötzlich zu einer ernsthaften Alternative zum Auto. Ist das bloß ein Strohfeuer? Die leise Hoffnung bleibt, dass es doch mehr ist, vielleicht der Beginn eines Paradigmenwechsels.

Ja, so ein Auto hat schon verdammt viele Vorteile. Sich einfach hinters Lenkrad zu setzen und zu fahren, wohin ich will, wann ich will, das ist schwer zu schlagen. Es braucht deshalb auch eine neue Erzählung, eine, die das Auto nicht verdammt (denn Autos werden sicher nicht verschwinden, sind oftmals auch notwendig), die aber abseits davon neue Möglichkeiten aufzeigt, und zwar solche, die auch gewollt werden (nicht irgendwelche schlecht gepflegten Radstreifen, die plötzlich im Nichts enden). Das Auto sollte zu einer Möglichkeit der Mobilität werden. Es darf aber nicht die einzige sein, gegenüber der alle anderen zurückgestellt werden.

Es gibt sie manchmal, diese Momente, in denen ein Auto unumgänglich erscheint und in denen ich an die Erzählung der großen Freiheit glauben will. Ja, manchmal nervt die verspätete Straßenbahn, die ausgefallene S-Bahn. Aber wenn ich dann daran denke, dass ich zur selben Zeit leise fluchend hinter einem Lenkrad sitzen und mich schrittweise durch den morgendlichen Verkehr Frankfurts schieben könnte, werde ich wieder entspannter. Und dann gibt es auch noch jene Momente, die mir kein Auto geben kann: Morgens mit dem Rad entlang des Mains, Nebel liegt noch über dem Wasser, hinter den Hochhäusern geht gerade die Sonne auf; neben mir zieht träge ein Binnenschiff, darüber fliegen kreischend Flussmöwen, die Luft ist kalt und klar. Da verliert der Mythos „Auto“ an Kraft, da beginnt ein neues Kapitel.