schlagzeug
Shotlist, Unsplash

Ein scheuer Schlagzeuger

Alles begann Ende der 80er Jahre in einem Festzelt irgendwo im Schwäbischen: Es war Herbst, die Weinlese mitten im Gang und in den Gemeinden fand an fast jedem Wochenende eine „Hocketse“ statt, das auf Bierbänken, an Grillständen und vor Blasmusikbühnen gesellige Zusammenkommen der schwäbisch-alemannischen Bevölkerung. Auch ich besuchte mit meinen Eltern regelmäßig diese Veranstaltungen, den „Fellbacher Herbst“ oder die „Schorndorfer Schowo“, und immer drängte es mich vor an die Bühne, hin zur Musik. Doch mich interessierten weder die Blechblässer noch die Gitarristen und von den Sängern erwartete ich, dass sie mir nicht im Weg standen – meine ganze Aufmerksamkeit galt nur dem einem Musiker, der, versteckt hinter den anderen, leicht wippend auf einem schmalen Hocker saß: Ich wollte einzig und allein den Schlagzeuger sehen. Wie gebannt verfolgte ich seinen Bewegungen, ignorierte Fanta und Bratwurst und begann dann, mit zwei Strohhalmen, die Schlagabfolgen des Trommlers nachzuahmen. Seitdem träume ich davon, ein großer Schlagzeuger zu sein – furios im Spiel, im Alltag zurückhaltend und scheu.

Der Schlagzeuger ist der heimliche Fixpunkt jeder Musikgruppe, egal ob Band, Orchester oder Spielmannszug. Versteckt hinter den Aufbauten seines Instruments überblickt er das Geschehen, zählt ein und bildet zusammen mit dem Bassisten das Fundament eines jeden Songs: Erst wenn das Schlagzeug einsetzt, beginnt auch die vor der Bühne ausharrende Masse in Bewegung zu geraten. Das Gefühl, mit dem Kick der Bassdrum oder dem Wirbel auf der Snaredrum etwas in Gang zu setzen, das unmittelbar und überwältigend ist, es hat mich immer fasziniert, und es wäre bei mir nie bloß stumpfes Gestampfe, sondern immer virtuos und ein rhythmisches Feuerwerk. In meiner Vorstellung verschwinde ich – ähnlich wie der Drummer Neil Peart der kanadischen Rockband Rush – hinter einer sich auftürmenden und sich um mich schließenden Percussions-Wall, ich sitze inmitten eines 360 Grad-Drumsets, umgeben von Cymbals, Toms, Schellen, Glocken und Gongs. Es ist die überwältigende, kindliche Vorstellung eines kleinen Gottes, eines dickbäuchigen Gurus, der die Welt antreibt.

Damals, im heimischen Keller, hinter meinem ersten Sonor-Drumset, träumte ich mich unter den Kopfhörern auf die großen Bühnen, träumte mich wahlweise an die Stelle des singenden und trommelnden Phil Collins oder des virtuos Reggae- und Rockgrooves mischenden Stewart Copeland von The Police. Ich träumte vom Wunderkind-Status, weit weg von den trostlosen Übungseinheiten in einem kleinen Kabuff auf einem Werkstoffhof irgendwo in der Provinz, in denen ich Stunde um Stunde auf einer schwarzen Gummimatte Paradiddles üben musste und für die Ohren meines Lehrers immer zu leise spielte. Das Üben hatte ich in meiner Vorstellung längst hinter mir, ich brauchte einfach ein paar geniale Bandmitglieder und schon wäre the next big thing geboren. Damals wie heute würde ich dann in einem Jumbojet um die Welt reisen, würde auf Festivals meine Hits spielen und jedes Konzert mit einem Drumsolo beschließen, um anschließend meine Sticks in die Menge zu werfen und mit einem scheuen Lächeln von der Bühne abzugehen.

Als Trommler wäre ich dreigeteilt: Ich besäße die Kreativität eines Danny Carey (Tool), die Virtuosität eines Gavin Harrison (Porcupine Tree) und die Wildheit eines John Bonham (Led Zeppelin). Ich setze mich hinter mein Schlagzeug und alles um mich herum verschwindet, alles wird zu einem Rhythmus, alles ist ein Hohlkörper, der schwingt und einen unverwechselbaren Klang hat. Die Welt wäre ein einziger Flow, eine Abfolge von Takten, Fills und Synkopen. Aber dann endet der Song unvermittelt. Die Band gibt es nicht, das Schlagzeug ist längst aus Platzmangel verkauft, der Traum bloß ein Traum. Manchmal nehme ich noch meine ersten Drumsticks in die Hand, spröde sind sie, abgegriffen, aber sie lassen mich erahnen, was ich mir damals, vor der Bühne des Bierzeltes, im Übungskeller unter den Kopfhörern, vom Leben versprach, was ich damals erhoffte. Dieser größenwahnsinnige Traum eines trommelnden Jungen begleitet mich bis heute und erfasst mich zuweilen mit einer Wucht, dass ich nicht anders kann, als die alten Drumsticks zu nehmen und auf einem Kissen, die Augen halb geschlossen, Message in a bottle trommelnd zu begleiten.