ostsee

Manchmal

Manchmal, im Halbschlaf kurz vor dem Aufwachen, träume ich von einem langen Spaziergang am Ostseestrand, durch Kiefernwälder aufs Meer zu, der derbe Geruch nach Angeschwemmten in der Luft, Wind, Wellen; manchmal träume ich von einer Wanderung im hessischen Hinterland, von einem Spaziergang entlang der morgendlichen Elbe, träume davon, einfach nur so dazusitzen und die Gedanken schweifen zu lassen, träume von Zeit im Überfluss, Zeit in Einweckgläsern, Zeit in rauschenden Baumwipfeln; träume davon, Tage verstreichen zu lassen, einfach so.

Aber ich habe diese Zeit nicht, nicht am Ostseestrand, nicht im hessischen Hinterland, nicht an der Elbe. Ich würde sie gerne in Anspruch nehmen, denn sie wird ja angeboten, landauf, landab, zu fast jeder Jahreszeit, in fast jeder Region. Stadtschreiber, Turmbewohner, Elbspaziergänger, einen Monat, drei Monate, sechs Monate. Sie wird mir wie eine Karotte an der Angel vorgehalten, und manchmal, obwohl sinnlos, schnappe ich danach. Ganz kurz. Für mich, Vater zwischen Brotjob, Schreiben und Sorgearbeit, gibt es keine Spaziergänge und Wanderungen, für mich werden die kleinen Wohnungen nicht zurecht gemacht, wird der Schreibtisch nicht ans Fenster gerückt.

Warum macht sich da niemand Gedanken? Ist es zu aufwändig, zu mühselig, sich jetzt auch noch den Autor*innen zuzuwenden, die neben dem Schreiben Sorgearbeit leisten?

Zwei Monate, drei Monate, sechs Monate. Das sind utopische Zeiträume, traumhaft schön, aber sie sträuben sich mit Händen und Füßen gegen mich. Schon längst ist mir klar, dass die Ausschreibungstexte und Ankündigungen mich nicht meinen, obwohl sie so tun; die baumelnde Karotte vor meiner Nase. Unmöglich, einfach für ein paar Monate von der Bildfläche zu verschwinden, die Sachen zu packen und rauszufahren, ans Meer, an die Elbe, ins hessische Hinterland.

Warum, frage ich mich, warum könnte es nicht auch nur mal eine Woche sein? Oder ein verlängertes Wochenende? Oder die vier Wochenenden in einem Monat? Warum macht sich da niemand Gedanken? Ist es zu aufwändig, zu mühselig, sich jetzt auch noch den Autor*innen zuzuwenden, die neben dem Schreiben Sorgearbeit leisten? Ich wäre froh und glücklich über die Möglichkeit, auch nur für ein paar Tage an die Elbe zu können, es würde mir ein kleinwenig Raum geben, Raum, um Gedanken wachsen zu lassen, um erste Worte zu schreiben.