power

Power

Kerze sucht Power. Power ist der Hund der Hitschke, der davongelaufen ist. Kerze verspricht der Hitschke, Power zu finden und zu ihr zurückzubringen. Und Kerze meint es ernst, ihr Versprechen ist nich nur einfach so dahingesagt, es ist wie eine Zauberformel, die von nun an alle in seinen Bann schlägt, Kerze, die Hitschke, die Kinder des Dorfes, die Erwachsenen. Keiner kann sich entziehen.

Kerzes Suche schließen sich schon bald die Kinder des Dorfes an und ziehen mit ihr in den Wald, wo sie Power vermuten. Um ihm näherzukommen, müssen sie das Hündische, Tierische in sich wecken: Sie beginnen auf allen Vieren zu laufen, jaulen und bellen, beschnuppern sich und leben in einer Mulde im Wald. Die Erwachsenen stehen dem hilflos gegenüber. Hitschke bringt den Kindern Essen und wird zur Geächteten, man macht sie für alles verantwortlich. Die Regeln und Normen eines gesellschaftlichen Zusammenlebens werden außer Kraft gesetzt.

„Power“ ist ein starker, ungewöhnlicher Roman. Die Szenerie erscheint wie in einem Märchen, aber ist es kein Märchen, das Verena Güntner in knappen, kraftvollen Präsens-Sätzen erzählt, keines, bei dem am Ende stehen wird: „Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“. Es ist dunkel, gewalttätig, monströs. Es erzählt davon, wie eine Gemeinschaft langsam den Halt verliert und auseinanderbricht, es erzählt von Einsamkeit, fehlender Empathie und Wut. Der Roman kann als großes Allegorie gelesen werden, „Power“, „Kerze“ und „Henne“ (ein Möchtegern-Dorfnazi) sind weit mehr als nur die Namen von Figuren, sie sind offene Räume, sie stehen für Eigenschaften wie Kraft, Wille, Feigheit, Angst.

Wie in einem Märchen, so geschieht auch in „Power“ das Ungeheuerliche zwischen den Zeilen. Der Text lebt von einer dräuenden, dunklen Spannung, einem Gefühl des Unbehagens, des Aufgewühltseins und erzählt damit sehr viel über unsere Gegenwart.