institutsprosa

Schreiben lernen?

Unter dem Titel „Institutsprosa“ erschien vor Kurzem eine Sammlung von Aufsätzen, die sich mit dem Schreiben-lernen und Schreiben-lehren an akademischen Literaturinstituten auseinandersetzen. Die Herausgeber*innen schreiben dazu: „Seit über 20 Jahren kann man in Deutschland, Österreich und der Schweiz literarisches Schreiben studieren. Mittlerweile prägen Absolventïnnen der akademischen Literaturinstitute das literarische Feld der Gegenwart erheblich mit. (…) Als ‚Institutsprosa’ verspottete das Feuilleton Texte aus der Schreibschule – und brachte damit das Spannungsverhältnis zum Ausdruck, in dem sich ‚Literatur‘ und ‚Ausbildung‘ im deutschsprachigen Raum noch immer befinden.“

Besonders zwei Aufsätze aus dem Band sind mir dabei im Gedächtnis geblieben: So setzt sich Claudia Dürr in ihrem Text „Schreiben lernen können aus Sicht des Feuilletons“ mit der Berichterstattung über die Schreibinstitute in den Medien auseinander, und Kevin Kempke geht in „Get a Life! Zur Biografie als Ressource literarischer Produktivität“ der Frage nach Rolle und Wirkung der Biografie für Autor*innen nach.

Claudia Dürr beschäftigt sich aus wissenstheoretischer Perspektive mit der Feuilleton-Berichterstattung über die Literaturinstitute im deutschsprachigen Raum1 und hat dazu „für den Zeitraum von 1990 bis 2007 insgesamt 161 Beiträge analysiert: Reportagen, Portraits, der akademischen Institutionen, Vorstellungen kommerzieller Angebote, Berichte über Festivals und Wettbewerbe (…)“. Ins frühen Artikeln wird die Frage gestellt, ob Schreiben denn überhaupt erlernbar sei, erste Publikationen von Absolvent*innen werden kritisch hinterfragt und das Label „Institutsprosa“ entsteht (Schreibschulliteratur sei langweilig, risikolos, angepasst und habe nichts zu erzählen). Die Perspektive verschiebt sich in den Folgejahren hin zum Literaturbetrieb und zum Markt und lenkt den Blick ab Mitte der 2000er Jahre auf die Praxis (die von Florian Kessler verfasste Polemik „Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn!“ wird im gesamten Band immer wieder als ein Schlüsselmoment aufgegriffen). Am Ende konstatiert Dürr: „Aus Sicht des Feuilletons bleiben ‚Talent‘ / ‚Begabung‘ auf der einen und ‚Institutsprosa‘ auf der anderen Seite stattdessen weitgehend unvermittelbare Extreme.“

Kevin Kempke setzt sich in seinem Aufsatz „Get a Life! Zur Biografie als Ressource literarischer Produktivität“ mit der Frage von Autorschaft und Biografie auseinander2, wobei schon im Titel mit dem Wort „Ressource“ ein zentrales Thema aufgegriffen wird, nämlich die Verwertbarkeit des eigenen Lebens für das Schreiben und letztlich für den Literaturmarkt. „Ein aufregender Lebenslauf führt zu guter Literatur“, der Text wird durch eine satte und aufregende Biografie beglaubigt und grenzt sich gleichzeitig gegen die vermeintliche Erfahrungsarmut von Schreibschulabsolvent*innen ab. „Write what you know“ – unter dieser Maxime wird die Biografie gleichsam zum Steinbruch, in der die Themen der Texte herausgeschlagen werden, „in der Aufmerksamkeitsökonomie des literarischen Feldes sind Autorïnnen und ihre Werke kaum getrennt voneinander zu betrachten“. Kempke macht noch auf einen weiteren, interessanten Punkt aufmerksam: „Die Biografie kann bei alldem gleichsam zum Markenkern der Autorschaft werden“. Die Biografie als Bühne, die die Autor*innen bespielen und dabei zu einer Art Figur werden. „Es ist also sicher kein Zufall, dass ein Großteil derjenigen Absolventïnnen, denen längerfristiger Erfolg beschieden ist, schreibschulfremde Themen bearbeiten und dazu passenden Autorïnnenfiguren performieren“, schreibt Kempke und weist am Ende auf die „die Ästhetisierung des (vermeintlich) Faktischen“ hin.

Auch die weiteren Aufsätze des Bandes beleuchten aus verschiedenen Perspektiven und unter unterschiedlichen Fragestellungen das Thema der Schreibschulliteratur und ihrer Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Ein wichtiges Buch, das helfen kann, die Diskussionen über Schreibschulen zu versachlichen und wegzuführen von den emotional und dünkelhaft geführten „Genie“-Debatten, wenn es darum geht, ob das Schreiben lern- und lehrbar ist.


  1. Claudia Dürr: Schreiben lernen können aus Sicht der Feuilletons. In: Institutsprosa. Hrsg. Kevin Kempke, Lena Vöcklinghaus, Miriam Zeh. 1. Auflage, Leipzig, Spector Books 2019, Seite 34 

  2. Kevin Kempke: Get a Life! Zur Biografie als Ressource literarischer Produktivität. In: Institutsprosa. Hrsg. Kevin Kempke, Lena Vöcklinghaus, Miriam Zeh. 1. Auflage, Leipzig, Spector Books 2019, Seite 60